Klimakompatibel wirtschaften:
Wenn Kreditentscheidungen an Daten scheitern.
Fast die Hälfte der mittelständischen Firmenkunden von Regionalbanken ist bei ESG-Daten überfordert. Nicht weil sie es nicht wollen — sondern weil die Brücke zwischen ihnen und ihrer Bank fehlt.
46 Prozent. So hoch ist der Anteil mittelständischer Firmenkunden, die laut einer Umfrage des Genoverbands unter Bankvorständen bei der Bereitstellung von Nachhaltigkeitsdaten überfordert sind. 28 Prozent stehen am Anfang. 21 Prozent sind auf einem guten Weg. Nur 5 Prozent gelten als optimal vorbereitet.
Diese Zahlen beschreiben keine Randgruppe. Sie beschreiben den Normalfall im deutschen Mittelstand — und sie haben Konsequenzen, die weit über die Nachhaltigkeitsabteilung hinausgehen.
Was das mit Kreditvergabe zu tun hat
Seit Januar 2025 müssen Banken ESG-Risiken in ihre Kreditentscheidungen einbeziehen. Sie brauchen Klimadaten ihrer Firmenkunden: Emissionsbilanzen, Energieverbräuche, Angaben zu physischen Risiken. Die regulatorischen Grundlagen dafür — CRR III, die anstehende Novellierung des Kreditwesengesetzes, die europäische Bankenrichtlinie CRD VI — sind gesetzt und werden weiter verschärft.
Auf der anderen Seite des Tisches sitzen Unternehmen, die unter keine Berichtspflicht fallen. Sie sind nicht CSRD-pflichtig. Sie haben nie gelernt, solche Daten systematisch zu erheben — und hatten bislang auch keinen Anlass dafür. Viele von ihnen investieren längst in Energieeffizienz, sanieren Betriebsgebäude, stellen auf erneuerbare Energieversorgung um, optimieren Prozesse. Dass ein Firmenkunde gar keine Umweltinvestitionen tätigt, kommt praktisch nicht vor.
Aber sie können es nicht in der Sprache dokumentieren, die ihre Bank inzwischen braucht. Nicht aus Desinteresse — sondern weil niemand ihnen gesagt hat, welche Daten in welcher Form erwartet werden, und weil fehlende personelle, finanzielle und fachliche Ressourcen den Einstieg erschweren.
Das ist kein Vorwurf. Es ist die Anatomie einer Lücke.
Das Paradox: Gute Unternehmen in der falschen Schublade
Dieses System führt zu einem Ergebnis, das niemand beabsichtigt hat: Unternehmen, die faktisch gar nicht so unnachhaltig sind, bekommen schlechtere Konditionen oder im Extremfall eine Kreditabsage — nicht wegen ihrer tatsächlichen Klimawirkung, sondern wegen fehlender Dokumentation.
„Damit droht die Nachhaltigkeitsregulierung zu einer Bremse für die Kreditvergabe zu werden“, so der Vorstandsvorsitzende des Genoverbands. Die Regulierung gehe von unrealistischen Voraussetzungen aus — nicht nur bei der Datenverfügbarkeit.
Die Konsequenz betrifft beide Seiten: Die Bank kann Risiken nicht einschätzen, die sie nicht messen kann. Sie muss im Zweifel höhere Risikoaufschläge kalkulieren oder Engagements konservativer bewerten — nicht weil das Unternehmen schlecht wirtschaftet, sondern weil die Informationslage es nicht hergibt.
Das Unternehmen wiederum verliert Finanzierungsspielraum, den es operativ verdient hätte. Investitionen in Modernisierung, in neue Technologien, in den Ausbau des Geschäftsmodells werden teurer oder bleiben aus — obwohl genau diese Investitionen oft dazu beitragen, klimakompatibel zu wirtschaften.
Und die grüne Transformation insgesamt — die ja irgendwie finanziert werden muss — verliert eine Grundlage. Europa hat sich das Ziel gesetzt, die nachhaltige Entwicklung auch mit privatem Kapital zu finanzieren. Wenn die Regulierung dazu führt, dass gerade die Unternehmen keinen Zugang zu günstigen Finanzierungen bekommen, die am meisten investieren müssten, ist das ein struktureller Widerspruch.
Kein Datenproblem. Ein Brückenproblem.
Zwischen der Bank, die Daten braucht, und dem Unternehmen, das nicht weiß, welche Daten wozu — fehlt eine strukturierte Verbindung.
Keine weitere Vorschrift wird diese Lücke füllen. Was fehlt, ist eine gemeinsame Sprache: ein Standard, der dem Mittelstand sagt, welche Daten in welcher Form gebraucht werden, und der der Bank strukturierte, vergleichbare Informationen liefert — ohne dass jedes Institut seine eigenen Anforderungen definiert.
Solange das nicht der Fall ist, bleibt das, was der Genoverband treffend als „Wildwuchs“ bezeichnet: jede Bank definiert ihre eigenen Datenanforderungen, jedes Unternehmen versucht individuell zu antworten, und am Ende versteht keiner den anderen. Der Aufwand vervielfacht sich — für den Mittelstand, der mehrere Bankbeziehungen pflegt, ebenso wie für die Bank, die hunderte Firmenkunden betreut.
VSME: Eine gemeinsame Sprache für Bank und Mittelstand
Genau hier setzt der europäische Nachhaltigkeitsstandard VSME an — der freiwillige Berichtsstandard für kleine und mittlere Unternehmen. Er definiert, welche Nachhaltigkeitsdaten ein Unternehmen bereitstellen kann, ohne eine eigene Berichtsabteilung aufbauen zu müssen.
Im Basismodul liefert ein Unternehmen das, was Banken unmittelbar brauchen: Scope-1- und Scope-2-Emissionen, Energieverbrauch und Energiemix, Wasserverbrauch, Mitarbeitendenzahl, Governance-Struktur, wesentliche Risiken. Für Banken sind das direkte Inputs für das ESG-Kreditrating und die sogenannte BTAR — die Banking Book Taxonomy Alignment Ratio, mit der auch Engagements bei nicht-berichtspflichtigen Kunden auf Klimakompatibilität bewertet werden können.
Entscheidend dabei: Ein delegierter Rechtsakt der EU erlaubt es Banken, freiwillig gelieferte Nachhaltigkeitsdaten in ihre Green Asset Ratio (GAR) einzubeziehen. Die GAR — vereinfacht: der Anteil taxonomiekonformer Aktiva am Gesamtportfolio — ist eine zentrale Kennzahl, die zeigt, wie nachhaltig eine Bank aufgestellt ist. Jeder Firmenkunde, der strukturierte Daten liefert, verbessert diese Kennzahl direkt.
Der vorgesehene Datenfluss ist dabei bewusst einfach gehalten: Unternehmen stellen ihre Daten über die Plattform des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) bereit. Banken rufen sie dort automatisiert ab — kostenlos auf beiden Seiten.
Warum VSME allein nicht reicht
VSME gibt dem Datenaustausch eine Struktur. Aber für eine belastbare Einschätzung der tatsächlichen Klimawirkung eines Unternehmens reicht das Basismodul allein nicht aus.
Viele Firmenkunden werden zunächst nur Scope 1 und 2 liefern — den eigenen Energieverbrauch, die direkten Emissionen. Für die Bank entsteht daraus ein Bild, aber kein vollständiges. Was fehlt, ist die eigentliche Klimafrage: Wie groß ist die tatsächliche Klimawirkung des Unternehmens? Wie weit ist es vom 1,5-°C-Pfad entfernt? Und gibt es einen nachvollziehbaren Plan, diese Lücke zu schließen?
Genau das leistet eine vollständige CO₂-Bilanz — über alle relevanten Scopes hinweg, übersetzt in eine Grad-Celsius-Kennzahl, die jeder versteht. Eine solche Bilanz macht Unternehmen nicht nur für die Bank bewertbar, sondern gibt ihnen selbst eine Grundlage: für Reduktionsziele, für eine Klimastrategie, für Investitionsentscheidungen, die tragen.
Anders gesagt: VSME liefert die gemeinsame Sprache. Eine belastbare CO₂-Bilanz macht sie tragfähig. Zusammen entsteht das, was beide Seiten brauchen — eine Grundlage, die der Bank belastbare Steuerungsdaten liefert und dem Unternehmen den Einstieg in die eigene Klimastrategie ermöglicht.
Strukturierte ESG-Daten: Was bringt das der Bank?
- Einschätzbare Risiken statt konservativer Pauschale. Mit strukturierten Daten kann die Bank ESG-Risiken im Kreditportfolio individuell bewerten, statt sie über pauschale Annahmen zu kalkulieren. Regulatorische Grundlage: CRR III, in Kraft seit Januar 2025.
- Bessere Green Asset Ratio – auch ohne Berichtspflicht der Kunden. Ein delegierter Rechtsakt der EU-Kommission von Juli 2025 erlaubt es Banken, freiwillig gelieferte Nachhaltigkeitsdaten in ihre GAR einzubeziehen. Jeder Firmenkunde mit strukturierten Daten verbessert diese Kennzahl direkt.
- Belastbarer ESG-Risikoplan. Mit der Umsetzung der CRD VI ins deutsche Recht (BRUBEG, KWG-Novelle 2026) müssen Banken einen ESG-Risikoplan vorlegen. Strukturierte Kundendaten ersetzen Schätzungen und schaffen die Grundlage, die der Regulator erwartet.
Wie die Brücke entsteht
Der Weg ist kein Einzelschritt, sondern ein Prozess — und er funktioniert am besten, wenn beide Seiten ihn gemeinsam gehen.
Für das Unternehmen beginnt er mit dem Erheben der eigenen Klimadaten: einer CO₂-Bilanz als Fundament, darauf aufbauend ein VSME-Bericht. Was einmal erhoben wird, lässt sich zweifach nutzen — für den Bericht an die Bank und als Ausgangspunkt der eigenen Klimastrategie. Wer tiefer gehen will, entwickelt daraus einen wissenschaftsbasierten Reduktionspfad.
Für die Bank beginnt er mit Klarheit: zu wissen, welche Daten sie braucht, woher sie kommen und wie sie in die eigene Risikosteuerung einfließen. Ein strukturierter Datenzugang über die DNK-Plattform ersetzt die heute üblichen Einzelanfragen — weniger Aufwand, mehr Vergleichbarkeit, bessere Grundlage für den ESG-Risikoplan.
Wir begleiten diesen Prozess auf beiden Seiten: mit den Unternehmen, die den Einstieg in die Datenbasis finden müssen, und mit den Banken, die einen strukturierten Weg für ihr Firmenkundenportfolio suchen. Das Ergebnis: eine bessere Datengrundlage für die Bank, belastbare ESG-Kompetenz beim Kunden, und eine Geschäftsbeziehung, die auf Transparenz statt auf Informationslücken basiert. Nicht als einmaliges Projekt, sondern als Begleitung, die mitwächst.
Was jetzt zählt
46 Prozent der Firmenkunden ist überfordert mit den Datenanforderungen ihrer Bank — das ist kein Zustand, der mit mehr Regulierung gelöst werden kann. Was hilft, ist eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsamer Datenstandard und ein strukturierter Weg, der für beide Seiten funktioniert.
Klimakompatibel wirtschaften beginnt mit einer belastbaren Datenbasis — und mit jemandem, der den Weg zwischen Unternehmen und Bank kennt.
Ob Sie als Unternehmen den ersten Schritt machen wollen oder als Bank einen strukturierten Weg mit Ihren Firmenkunden suchen — lassen Sie uns darüber sprechen.
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